Donnerstag, 25. April 2013

Kampf der Begriffe

Nicht erst seit de Propagandakriegen des 20. Jahrhunderts ist bekannt, dass Begriffe sehr wichtig sind, um einer Agenda oder Ideologie zum Durchbruch zu verhelfen.
Das ist auf der einen Seite recht harmlos und manchmal eher witzig bis peinlich (etwa, wenn ein Begriff mit so hoher Frequenz gebraucht wird, dass man nur noch ein Rauschen vernimmt). So ein Beispiel ist der bemerkenswert unbiblische Begriff "Aufbruch", dessen inflationärer Gebrauch in deutschen katholischen Landen in der letzten Zeit unüberhörbar war (und den ich selbst auch als Label verwende, mal positiv, mal negativ gewendet). Soweit die harmlose Variante.

Viel gefährlicher ist demgegenüber die Prägung von Begriffen nicht nur in der Weise, dass ein ansonsten gebräuchlicher und sinnerfüllter Begriff mit neuen, den ursprünglichen Sinn oft vernebelnden und pervertierenden Inhalten gefüllt wird, sondern auch dahingehend, dass diese nun neu befüllten und dadurch auch emotional aufgeladenen Begriffe als Kampfbegriffe regelrecht besetzt und damit in Anspruch genommen werden.
Wichtigstes Beispiel der neueren Zeit war der Begriff der "Barmherzigkeit", über dessen Missbrauch ich mich hier eingehender ausgelassen habe (Lektüre sehr empfohlen!). Ein anderes beliebtes Beispiel ist der Begriff der "befreienden Sexualmoral" (vgl. hier).
Durch solcherlei Besetzung von Begriffen kann man eigentlich medial nur gewinnen, denn man hebt sich selbst als moralisch hochstehend hervor (man ist für Befreiung und Barmherzigkeit!) und kann gleichzeitig sicher sein, dass jeder der gegen die eigene Agenda oder Ideologie Widerstand leistet oder auch nur dagegen zu argumentieren versucht, medial als von niedrigerer Moral dastehen wird, denn dieser erscheint notwendig als der, der, nolens volens, dann gegen "Befreiung" und "Barmherzigkeit" ist. Weshalb es auch so wenig Widerspruch gibt, denn wer möchte schon gern als unmoralisch gelten.

Das neueste und vielleicht folgenreichste Beispiel dieser Masche ist der Gebrauch des Begriffs "Freiheit" bei der Eröffnung der Diözesanversammlung 2013 im Erzbistum Freiburg. Prof. Magnus Striet forderte in seinem Eröffnungsreferat von der Kirche nichts weniger als die Anerkennung der uneingeschränkten Freiheit jedes Menschen in der Kirche, zu glauben und zu leben was und wie es ihm beliebt.
Das Problem ist, dass hier in aller Stille ein Freiheitsbegriff aus dem säkularen Raum übernommen wurde, der mit der immer wieder beschworenen Freiheit eines Christen nichts zu tun hat. Es handelt sich um einen rein weltlichen Begriff von Freiheit der die Selbstbestimmung des Individuums frei von autoritären äußeren (z.B. staatlichen) Zwängen für seine Lebensgestaltung und seinem Denken betrifft. Man könnte auch von Autonomie reden (der Mensch als letzter Maßstab), oder von Relativismus.

Dieser Begriff ist aber mit dem christlichen Freiheitsbegriff schlechterdings unvereinbar, da der Christ sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass er eine Autorität über sich anerkennt, welcher er unbedingten Gehosam zu leisten hat. Daher entsteht ja z.B. auch ein Zentralaspekt christlicher Weltdeutung genau aus dem Nichtgehorchen dieser Autorität gegenüber: Sünde. (Auch dieser Begriff wurde im erwähnten Referat gleich mal in Beschlag genommen.)

Zweierlei Aspekte der Freiheit lassen sich für den Christen ganz basal bestimmen:
1) Frei nach KKK 144 ist die Freiheit eines Christen dasjenige, wodurch er seinen Glaubensgehorsam aktualisiert und realisiert. (Weswegen auch niemand gezwungen wird, katholisch zu werden... oder zu bleiben *wink*.)

2) Zum anderen ist Freiheit das, was aus diesem Glaubensgehorsam erwächst und was Paulus die "herrliche Freiheit der Kinder Gottes" nennt (Röm 8,21). Diese ist aber gerade nicht jener säkulare Begriff von Freiheit, da, wie es Paulus schon insinuiert, Kind Gottes sein eben auch und gerade bedeutet, Gott (dem Vater) gehorsam zu sein. Das mag der Grund sein, warum sowohl in etwaigen Memoranden wie auch an der Diözesanversammlung immer wieder, wenn auch mit neuem Sinn befüllt, lutherisches Vokabular Verwendung findet ("ecclesia semper reformanda"; das Zweite Vaticanum sprach übrigens von der "ecclesia semper purificanda"! siehe dazu: hier): "Freiheit eines Christen(menschen)", anstatt Paulus zu zitieren.


Wohin diese unreflektierte und plakativ gebrauchte Begriffsbesetzung führt ist absehbar. Man wird "Freiheit" fordern und damit meinen, dass man sich an nichts gebunden wissen will, was dem eigenen Momentanbefinden (v.a. aber dem gesellschaftlichen Mainstream) widerspricht.
Die Freiheit die uns Jesus verheißen hat ist eine andere. Es ist eine Freiheit die uns dazu befähigt, uns sogar dahin führen zu lassen, wohin wir nicht wollen (Joh 21,18). Es ist gerade nicht das eigene Wollen und Begehren, das die Freiheit des Christen ausmacht. Der heutigen Tags in der Diözesanversammlung in den Reflektionen bei Weitem am häufigsten rezipierte Begriff ließt sich zwar genauso: "Freiheit", doch beinhaltet er das genaue Gegenteil dazu, nämlich den Primat der eigenen Wünsche und Vorstellungen, der unangefochten über der Kirche und ihrer Hierarchie situiert werden soll.
Es ist dies aber jene Kirche, der es zukommt "die in den zeitlichen Dingen zu befolgenden sittlichen Grundsätze zu lehren und authentisch zu interpretieren" (AA 24) und die das "göttliche Gesetz im Licht des Evangeliums authentisch auslegt" (GS 50), denn sie ist "die Säule und das Fundament der Wahrheit" (1Tim 3,15).

Es scheint mir, dass sich die Dialogprozessler und Diözesanversammler mit dieser Marschrichtung selbst in einen Käfig begeben, der weder dem Wesen der Kirche Christi, noch der Bestimmung des Menschen in ihr entspricht. Es werden Erwartungen und Träumereien forciert, die notwendig in Enttäuschung und Frust resultieren, sobald ersichtlich wird, dass die in der Gesamtansicht völlig unbedeutende katholische Kirche in Deutschland nichts zuwege bringen kann. Wieviel das ganze Trara kostet, will ich gar nicht wissen...
Ich verhöhne hier natürlich nicht die Teilnehmer dieser Versammlung, denn einige davon kenne und schätze ich sehr. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass die wenigen "vernünftigen" Stimmen nicht zu Wort kommen und sich erst recht nicht durchsetzen können werden, denn sie sind ja der Begriffsbesetzung wegen diejenigen, die dann als unmoralisch dastehen und die sich im Falle eines Einspruchs vor der geballten Macht von 300 Delegierten (plus Veranstalter, plus "Sachverständige", plus "Medien") rechtfertigen müssen für ihre Position, obgleich diese durch Bibel, KKK und CIC gestützt ist. Denn gewirkt hat die Propaganda (siehe Memorandum etc.) schon lange!

Kommentare:

  1. Hab´gerade eben einen schönen Kommentar von Kardinal Dolan zum Thema gefunden:
    http://blog.archny.org/index.php/all-are-welcome/

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    1. Welcher Kontrast!
      In Freiburg: Lasst endlich die Leute machen, was sie wollen!
      In New York: "... not a Church of anything goes"

      thx!

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  2. ojej, die Diözesanversammlungen sind doch überall Auffangbecken der Häresie... Wie war denn das zusammenarbeiten in Workshops? Da bietet sich doch i.d.R. die Möglichkeit zumindest einer kleineren Gruppe paroli zu bieten und etwas ins Gewissen zu reden!?

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  3. Über den sogenannten Impuls von Prof. Striet habe ich mich selber sehr geärgert. Haben sich die Delegierten denn nicht ebenso über das beschränkte theologische Format seines Vortrags aufgeregt? Wenn nein, muss ich ehrlicherweise den Stand theologischer Bildung bei den Delegierten anfragen.

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