Freitag, 29. Juni 2012

Kirchenaustritt

Ich hatte neulich Bischof Huonder von Chur gelobhudelt, weil er sich nicht beirren lässt von gewissen Statistiken, die zeigen wollten, dass nur etwa die Hälfte seiner Katholiken noch nie an einen Austritt gedacht hätten (im Rest der Schweiz sinds 64%).

Also mal abgesehen von den Leuten, die nur wegen der zunehmend unselige Früchte tragenden Kirchensteuer gerne diese bürokratische Verzettelung abschütteln wollen, sonst aber fest im katholischen Sattel sitzen, hat mich das doch fragen lassen... ich kenne selbst einige Leute, auch Theologiestudenten, die gerne aus der Kirche austreten würde, aufgrund von, ich wills mal nett umschreiben: "inhaltlichen und/oder künstlerischen Differenzen".

Ich frage mich dann immer, was das soll...
Als ich neulich in einer Diskussion über den Zölibat gefragt wurde, warum ich diesen verteidige, war meine Antwort (neben einer Gegenfrage, siehe Link): Weil ich meine Kirche liebe. Worauf die Gesprächspartnerin erbost fragte, ob ich ihr dies denn absprechen würde. Tat ich nicht. Zumindest nicht mit Worten. Aber doch hege ich arge Zweifel daran (der Zölibat ist bei weitem nicht das einzige an und in der Kirche, was bei dieser Person Agressionen und Scham auslöst).

Jemand der mit dem Gedanken spielt, aus der Kirche auszutreten (mit obiger Einschränkung), hat meiner bescheidenen Meinung nach 1) Nicht verstanden, was die Kirche ist, was ihr Sinn und ihr Wesen ist; und er hat 2) aufgrund von Erstens auch keine echte Beziehung zu ihr, geschweigedenn etwas, was ich mit "Liebe" umschreiben würde.

Die Kirche ist unsere Mutter und als solche ist sie nicht immer den eigenen Wünschen gemäß.
Bemerkenswert finde ich da einen Text von Augustinus*, in dem er, sich fast schon betend an die Kirche richtend, schreibt: 
»Katholische Kirche, du Mutter der Christen im wahrsten Sinne des Wortes, du nimmst alle in Zucht und Lehre, [...] je nachdem wie bei einem jeden nicht nur das leibliche Alter, sondern auch die geistige Reife gegeben ist. [...] Wem Ehre gebührt, wem Trost, wem Ermahnung, wem Züchtigung, wem Erziehung, wem Tadel, wem Strafe, das lehrst du unermüdlich und zeigst dabei, wie nicht allen alles, aber doch allen Liebe gebührt und niemand Unrecht.«

Wie kann mannur daran denken aus der Kirche auszutreten? Doch nur, wenn man in ihr nur die Institution, ein menschliches Machwerk, einen Club, und in ihrer mütterlichen Sorge die "persönliche Gängelung" sieht... traurig... 
Solche Leute braucht es nicht in der Kirche... natürlich können und dürfen wir sie nicht rauswerfen ("lasst beides wachsen"), aber ich sehe schwarz, wenn solche Leute mehr und mehr die Möglichkeit bekommen, Einfluss zu nehmen und die Kirche zu modellieren.
Die Forderung nach Demokratie in der Kirche, zusammen mit der oben erwähnten Statistik, wonach in manchen Diözesen die Hälfte der Katholiken zuweilen an Kirchenaustritt denkt (und die allermeisten davon wohl nicht wegen der Kirchensteuer), erweckt ein grausames Bild: Wenn diese Leute dann in der Kirche verbleiben, weil sie sie nach ihren Vorstellungen verändern wollen und sie z.B. irgendwann ihren Wunschkandidaten für den Bischofssitz selbst wählen könnten (wie es neulich in Österreich von Akademikern de facto gefordert wird)... dann kann es nur bergab gehen... dann haben wir ein Wunschkonzert, statt einer Mater Ecclesia.
Wer in der Kirche bleibt um sie in ihrer Substanz zu manipulieren der ist gefährlich... umsomehr braucht es da das hierarchische Prinzip! Denn die Kirche darf nicht meinen Wünschen entsprechen sondern nur dem Auftrag Gottes.

Man hört das tatsächlich oft von BDKJ, ZdK und ungezählten anderen Funktionären, dass sie in der Kirche bleiben, um sie zu verändern... hoffentlich haben sie mit dem, was sie im Sinn haben, keinen Erfolg. [Randnotiz: Ich befürchte, dass nicht wenige dieser Leute eh nurnoch äußerlich in der Kirche sind... sich aber innerlich längst von ihr abgespalten haben... man weiß es nicht.]

Schon im zwischenmenschlichen Bereich bedarf jedes "Stehen zu einer Person" Geduld, Kraft und Opfer. Liebe ist ohne dies nicht denkbar. Augustinus spricht zuweilen von "unserer Person" (z.B. Enar. in Ps. 61,4) und meint damit den mystischen Leib Christi, die Kirche. Von dieser Kirche, so Augutinus in einem Brief an einen Freund*, "dürfen wir uns nicht trennen". Und er drückt  das in  einer Homilie über den  1. Johannesbrief (2,10: „Wer seinen Bruder liebt, der wandelt um Licht, und kein Anstoß ist an ihm.“) noch krasser aus, wenn er schreibt: 
»Wer sind die, die Anstoß erleiden oder geben? Es sind solche, die sich an Christus und an der Kirche stoßen. Wenn du die Liebe hast, wirst du weder an Christus noch an der Kirche Anstoß nehmen; du wirst weder Christus noch die Kirche verlassen. Denn wenn einer die Kirche verlässt, wie ist der in Christus, der nicht unter den Gliedern Christi ist? Wie ist der in Christus, der nicht am Leibe Christi ist? Jene also nehmen Anstoß, die Christus oder die Kirche verlassen.«

* Leider habe ich die Quellen der zitierten Texte verlegt... wer aushelfen kann, darf dies gerne tun.


PS. Zum Glück gibt es auch für Ausgetretene oder sonstwie Getrennte immer Hoffnung...: semel catholicus, semper catholicus :)

Kommentare:

  1. "Die Forderung nach Demokratie in der Kirche, zusammen mit der oben erwähnten Statistik, wonach in manchen Diözesen die Hälfte der Katholiken zuweilen an Kirchenaustritt denkt (und die allermeisten davon wohl nicht wegen der Kirchensteuer)"

    Hier bin ich anderer Meinung als Du, außer die Statistik würde sich auf aktive Kirchgänger beziehen. Diese sind leider nur 12-13% der Karteikartenkatholiken. Von den 87-88% ziehe man den kleinen Teil ab, der zwar tatsächlich gläubig ist, aber aufgrund Erkrankung nicht zur Messe gehen kann. Der Rest... tja, es klingt halt viel nobler, wenn man scheinbar ethische Bedenken vorschieben kann, und nicht zugeben muß:
    ad 1) es einem doch um's Geld geht
    ad 2) man den "Quatsch" seit längerem eh nicht mehr glaubt.

    Die Kirche ist aber noch gut für a schee Leich, a schee Hochzisch und andere Feste. Sie soll dabei aber tunlichst das religiöse Niveau der Veranstaltung auf Fußbodenniveau halten, damit den Anwesenden Konsumenten ihr eigentlicher Unglaube nicht schmerzlich vor Augen geführt wird.

    Ein Nachgeben dieser Forderung ist aber der beste Nährboden um die restlichen Kirchgänger in Richtung Unglauben zu treiben.

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    1. ???
      Ich weiß nich recht, was du meinst...
      Ich hatte doch im zweiten Absatz die Einschränkung gemacht: "Also mal abgesehen von den Leuten, die nur wegen der zunehmend unselige Früchte tragenden Kirchensteur gerne diese bürokratische Verzettelung abschütteln wollen, sonst aber fest im katholischen Sattel sitzen..."

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    2. Ich meine Deine Aussage in Klammern im Zitat, das klingt für mich so, als gehst Du davon aus, daß die Mehrheit derer, die über einen Austritt nachdenken, dies nicht wegen der Kirchensteuer tun. Ich bin hierzu gegenteiliger Ansicht, weil meiner Meinung nach, bei den Kirchenfernen und das ist die überwiegende Mehrheit der Austretenden, die "Inhaltlichen Differenzen mit den Amtsträgern" etc pp nur vorgeschoben sind und man schlechte Presse über die Kirche nur zum Anlaß und Entschuldigung für den eigentlich schon lange bestehenden Bruch mit der Kirche nutzen.

      Da ich aber nicht weiß, auf welche Statistik Du Dich beziehst, es könnte ja sein, daß es eine reine Befragung von Kirchgängern war. Dann wäre es rein theoretisch möglich, daß die theologischen Differenzen tatsächlich mehrheitlich der Grund sind. Aber meiner Meinung nach ist der Kreis der Austretenden aktiven Kirchgänger nicht wirklich nennenswert groß.

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Ich freue mich über Meinungen, (sinnvolles) Feedback und Hinweise aller Art. Fragen sind auch immer willkommen, eine Garantie ihrer Beantwortung kann ich freilich nicht geben. Nonsens (z.B. Verschwörungstheorien, atheistisches Geblubber und Esoterik) wird gelöscht. Trolle finden hier keine Nahrung.