Dienstag, 8. Mai 2012

Grüße aus Nicäa

Grund #3612 warum ich katholisch (und nicht etwa protestantisch) bin: ὁμοούσιος (homoousios) steht nicht in der Bibel.

Aus heiterem Himmel viel mir heute, während ich beim Friseur wartete, auf, dass ein ganz wesentlicher Begriff des nizänischen und damit des nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses (das auch von Protestanten akzeptiert wird, mit Ausnahme des Wörtchens "katholisch", das sie, m.E. sinnloserweise, mit "christlich" ersetzt haben), das homoousios, also die Aussage, dass Gott-Vater und Gott-Sohn eines Wesens sind, nicht in der Bibel zu finden ist.
Wie zum Henker ist dieser wesentliche Aspekt des Glaubensbekenntnisses mit dem sola scriptura Prinzip in Einklang zu bringen? Spontane Antwort: Ist es nicht, da das homoousios nicht in der Schrift vorkommt. Es ist ein philosophischer Begriff, der, nach einigem Widerstand, zur Abwehr der arianischen Irrlehre herangezogen wurde, da man am Konzil von Nicäa feststellte, dass "die Schrift allein", ihr Buchstabe, keine letzte Eindeutigkeit bot. Damit wurde das sola scriptura Prinzip also spätestens vom Konzil von Nicaäe (325) de facto aufgegeben; von einem Konzil also, das von Protestanten anerkannt wird...

Kommentare:

  1. Wieder ein guter Grund katholisch zu sein.

    Aber die aus der "Reformation" hervorgegangenen Gemeinschaften betrachten ja überwiegend das Nizäum nicht als dogmatische Aussage, sondern als mögliches Bekenntnis, das die Bibel zutreffend auslegt und sich daran messen lassen muss, ob es die Bibel zutreffend auslegt. Und sollte ein Mitglied zum Schluss kommen, dass das nicht der Fall ist, glaubt er einfach nicht mehr dran.

    Das sogenannte sola-scriptura-Prinzip ist ohnehin völliger Schund, da es zu einem Zeitpunkt hätte angewendet werden müssen, wo es überhaupt keinen festen Kanon gab, auf den es sich der Christ allein hätte beziehen können und zu dem Zeitpunkt, wo es einen solchen Kanon gab, nachweislich nicht in Gebrauch war - wie du schon festgestellt hast.

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  2. Auch die frage der dogmatischen Gültigkeit dieses Bekenntnisses im Protestantismus ist nicht einheitlich zu ermitteln. Bedeutend für mich ist, dass das generelle Bekenntnis zur Wesenseinheit, nicht eindeudig aus der Schrift ableitbar ist, weshalb die Väter jenes Konzils jenen Begriff heranzogen. Bleibt man beim sola scriptura, wird man sich gegen viele Irrlehren, etwa den Arianismus, nicht effektiv wehren können. Weshalb es dort ja auch zu solch vielfältiger Sektenbildung kommt.

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  3. Der zweite wichtige Aspekt ist freilich der, dass sich das Konzil sehr bewusst mit diesem Begriff von der Schrift entfernt hat (es gab, wie geschrieben, zunächst Widerstand dagegen), da das Konzil, wie auch alle vornizänischen Synoden, sich eigentlich strikt an die Bibel gehalten hatte (wofür es recht egal war, dass es noch keinen universellen Kanon gab). Man tat also sehr bewusst (und mit dogmatischer Absicht!) den Schritt von einer Fixierung auf die Schrift und negierte so, 1200 Jahre im Voraus, das sola scriptura Prinzip.
    Somit wäre also, auch wenn Protestanten das Symbolon nicht dogmatisch auffassen, nicht das reine Wort "homoousios" das Problem, das Protestanten mit dme Konzil haben, sondern das Konzil an sich!

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  4. Ein interessanter Standpunkt. Ich werde sie bei Gelegenheit einem Protestanten vorlegen, ob er das genauso sieht.

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    1. Gefunden: De decretis Nicaenae synodi Nr. 19 und 20. Athanasius erklärt dort sehr schön, wie es nach vielem Ringen zu dem Entschluss der Väter kam, das homoousios zu verwenden (nämlich, weil die in der Schrift zur Be- bzw. Umschreibung der Würde Christi verwendeten Ausdrücke von den Arianern für ihre Zwecke gedeutet werden konnten): "Allein da die Väter diese ihre Verschlagenheit und gottlose Arglist bemerkten, waren sie endlich gezwungen[!], deutlicher zu erklären, was unter dem Ausdrucke, 'Aus Gott' zu verstehen sey, und zu schreiben, der Sohn sey aus der Wesenheit Gottes".
      http://www.unifr.ch/bkv/kapitel5258-18.htm
      http://www.unifr.ch/bkv/kapitel5258-19.htm
      Und Athanasius zitiert daselbst auch einen Anathematismus aus den Konzilsakten, der die dogmatische Absicht m.E. klar aufzeigt: "Diejenigen aber, welche sagen, der Sohn Gottes sey aus Nichtseyendem, oder geschaffen, oder veränderlich, oder gemacht, oder aus einer andern Wesenheit [ousias!], diese verflucht die heilige und katholische Kirche." (vgl. DH 126)

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